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Veröffentlicht am 05­.10.2008

Bischofssynode in Rom

"Die Bibel darf nicht als Steinbruch zur Untermauerung kirchlicher Lehraussagen missbraucht werden." 12-Punkte-Appell der KirchenVolksBewegung zur Weltbischofssynode in Rom

Pressemitteilung München/Rom 5. Oktober 2008

Die deutsche KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche appelliert an die XII. Ordentliche Vollversammlung der Bischofssynode, die vom 5. bis 26. Oktober 2008 in Rom unter dem Thema „Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche“ abgehalten wird:

Das „Hören auf das Wort Gottes in der heiligen Schrift“ gehört seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) zur Grundüberzeugung der katholischen Kirche. Doch nach der Ansicht von Wir sind Kirche lassen zahlreiche lehramtliche Texte noch immer erkennen, dass die Theologie des Wortes Gottes, wie sie in Dei Verbum, der „Dogmatischen Konstitution über die Offenbarung“ des Zweiten Vatikanischen Konzils entwickelt wurde, nicht oder nur sehr mangelhaft beachtet, geschweige denn weitergedacht wurde.

Das letzte Konzil hat für das Bibelverständnis einen entscheidenden Aufbruch ermöglicht. Endgültig gelungen ist er noch nicht. Wir sind Kirche fordert die an der Weltbischofssynode 2008 teilnehmenden Bischöfe auf, die im Folgenden angeführten Problemfelder zu diskutieren und geeignete Maßnahmen zu einer zukunftsorientierten Lösung zu veranlassen:

1.
Die Bibel darf nicht als Steinbruch zur Untermauerung kirchlicher Lehraussagen missbraucht werden. Sie ist kein Lehrbuch der Dogmatik oder Ethik Das wird auch in der kirchlichen Verkündigung zu wenig beachtet (vgl. „Katechismus der Katholischen Kirche“): Sätze aus verschiedenem Kontext und unterschiedlicher Gattung werden miteinander kombiniert, Methoden der Schriftauslegung und Prinzipien ihres Verständnisses bleiben häufig unberücksichtigt. Historisierende Tendenzen und ein einzelnen Bibeltexten (z.B. Johannesevangelium) zugeschriebener uneingeschränkter Wahrheitsanspruch lassen sich mit der Offenbarungskonstitution des Konzils nicht vereinbaren.

2.
In einigen neutestamentlichen Schriften finden sich antijudaistische Textstellen. Diese Aussagen haben eine höchst unheilvolle Wirkungsgeschichte gehabt. Sie zwingen dazu, unsere eigenen Vorurteile über „die“ Juden offen zu legen, sie einzugestehen, zu bearbeiten und zu überwinden.

3.
Historisch falsche biblische Redensarten (z.B. „die heuchlerischen Pharisäer“, „Gott der Rache im AT“ und „Gott der Liebe im NT“) sollten endlich unterbleiben.

4.
Der historisch-kritischen Bibelauslegung kommt nach wie vor eine unverzichtbare Aufgabe für das richtige Verständnis biblischer Texte zu. Dieser Ansatz bedient sich verschiedener Methoden. Es ist dringend zu wünschen, dass diese Methoden auch bei der Verwendung von Bibeltexten in offiziellen kirchlichen Dokumenten und bei der kirchlichen Verkündigung Beachtung finden.

5.
Die von der „feministischen Exegese” eröffneten neuen Zugänge zur Bibel sollten stärker berücksichtigt werden. Diese Auslegung der Bibel weist darauf hin, dass die ganz am Mann orientierte Prägung vieler biblischer Texte nur gelegentlich Erfahrungen von Frauen mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs einbezog. Zahlreiche Texte der Bibel sind im Interesse der Legitimation des Patriarchats verfasst oder wurden zumindest später dazu missbraucht.

6.
Die (tiefen-)psychologische Interpretation biblischer Texte findet zu wenig Berücksichtigung. Sie setzt bei dem an, was den Bibelleser heute bewegt, bei seinen Problemen, Fragen, Ängsten, Hoffnungen, Empfindungen, Tag- und Nachtträumen, Einstellungen, Wertvorstellungen.

7.
Durch die von manchen Exegeten heute bevorzugte kanonische Schriftauslegung eröffnen sich neue Perspektiven für das Kirche-Sein. Die Orientierung auf den gesamten Kanon der Heiligen Schrift sollte von jeder totalitär vereinheitlichenden Zielsetzung befreien und den Kanon in seiner internen Vielfalt als pluralitätsfreundliches und Pluralität sicherndes Gebilde erkenntlich machen. Die Bibel könnte damit zu einer „Lernschule der Pluralität“ (Ottmar Fuchs) werden.

8.
Die „Einheit in Vielfalt“ ist auch für das Verständnis von Kirche und für die christliche Ökumene von größter Bedeutung. Wenn die in sich vielfältige Gesamtheit der hebräischen und griechischen biblischen Schriften als gewollte Einheit gesehen wird, bedeutet das ein Bekenntnis zur Pluralität. Die Bibel wird so zum ekklesiologischen Modell einer echten Ökumene als Einheit in Vielfalt.

9.
Es gibt keine klare Vorstellung von „Offenbarung“. Das Zweite Vatikanische Konzil hat nicht erklärt, wie das Offenbarungshandeln Gottes in seiner radikalen Transzendenz und Immanenz so mit dem geschichtlichen Handeln des Menschen vermittelt werden kann, dass die Freiheit Gottes und des Menschen gewahrt, eine mythologische Redeweise aber vermieden wird.

10.
Die allgemeine Offenbarung Gottes in den Religionen der Welt und ihr Verhältnis zur jüdisch-christlichen Offenbarung ist weitgehend ungeklärt.

11.
Die „Inspiration der Bibel“ wurde und wird volkstümlich nicht selten missverstanden. Gott bzw. der Heilige Geist habe den biblischen Schriftstellern die Worte gleichsam ins Ohr geflüstert. Diese Vorstellung sollte endlich korrigiert werden.

12.
Es gibt in der kirchlichen Praxis vielfach eine „doppelte“ Bibel: die Bibel der wissenschaftlich arbeitenden Exegeten und die Bibel der weitgehend über deren Arbeiten uninformierten, aber religiös interessierten „schlichten“ Bibelleser.
Im Dokument der Päpstlichen Bibelkommission „Die Interpretation der Bibel in der Kirche“ (1993) werden die verschiedenen Zugänge zur Bibel sachlich dargestellt und einer konstruktiven Kritik unterzogen. Die Inkulturation der Bibelauslegung wird unter Hinweis auf die Situationsbezogenheit der biblischen Schriften selbst nachdrücklich bejaht. Der fundamentalistische Zugang zur Bibel wird ausdrücklich als falscher Weg verurteilt.
Soll sich die Gefahr einer „doppelten“ Bibel nicht noch weiter verschärfen, wird es in Zukunft erforderlich sein, in einen fruchtbaren Dialog auf Augenhöhe zwischen beiden Seiten zu kommen. Dafür müssen Maßstäbe des Umgangs miteinander gefunden werden.

> mehr Informationen zur kritischen Begleitung der Bischofssynode 2008

> Aktionstag der Reformgruppen am 15. Oktober 2008 in Rom

Kontakt:
Christian Weisner (Bundesteam)
Tel. 08131-260 250, mobil 0172-518 40 82
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Zuletzt geändert am 20­.12.2008